Rechtsform – Wer die Wahl hat, hat die Qual!

Rechtsform – Wer die Wahl hat, hat die Qual!

von | Blog, Gründerbusiness

Möchte man etwas Soziales oder Sportliches in Deutschland starten oder eine soziale bzw. gemeinnützige Einrichtung unterstützen, denkt wahrscheinlich jeder sofort an den Verein, zumeist in der eingetragenen Form (e.V.). Und das ist statistisch gesehen tatsächlich in Deutschland die überwiegend genutzte Rechtsform für gemeinnützige Einrichtungen und Initiativen. Ende 2017 konnten deutschlandweit 604.851 Vereine (dav. 18.887 in Thüringen) bei den Vereinsregistern gezählt werden, d.h. ca. 7.330 Vereine pro 1. Mio. Einwohner.[1] In vielen Fällen macht das vielleicht tatsächlich auch am meisten Sinn, bspw. 81% der 232 DZI-Spendensiegeltragenden Organisationen (Stand: Nov. 2016) sind als e.V.`s aktiv[2], aber…

gibt es Alternativen? Welche Möglichkeiten gibt es unabhängig vom e.V. noch? Bin ich als Gründer auf diese Rechtsform festgelegt?

Daher zunächst zu der Frage, in welcher rechtlichen Form können den überhaupt gemeinnützig anerkannte Strukturen errichtet werden?

Grundsätzlich – immer in Form einer Körperschaft, oder anders formuliert in Form einer juristischen Person. Juristische Personen zeichnen sich dadurch aus, dass Sie auch dann weiterleben, wenn wir als Menschen (juristisch: natürliche Personen) schon lange Tod sind. Denn juristische Personen sind eigenständige Rechtspersönlichkeiten, die Verträge schließen und klagen bzw. verklagt werden können. In der klassischen gemeinnützigen, also steuerbegünstigten Form nach § 52 ff. Abgabenordnung (AO) kommen für Gründer folgende Rechtsformen in Frage:

 VereinStiftungAGGenossenschaftGmbHUG
Gründungsaufwandam einfachsten und schnellstensehr hoch (Ausgestaltung, Aufsichts-behörde)sehr hoch (Notar + Handelsregistereintragung), Mustergründung bei der UG möglich
Gründungskostenam geringstenje nach Beratungsbedarf und Komplexität, mit Mustergründung bei der UG sehr geringe Kosten
Mindestkapitalnein50 T€50 T€nein25 T€1€
lfd. Bürokratie--------
Kreditwürdigkeit-+++o+-
persönliche Haftung der Gründer*NEIN
Pflicht zur Buchführung nach HGBnein, erst ab einem bestimmten Umfangjajajajaja
demokratische Willensbildung+++ (jedes Mitglied hat eine Stimme)o (abhängig von der Ausgestaltung)+
(je nach Kapital)
++ (ja nach Anteil)+
(je nach Kapital)
+
(je nach Kapital)
Kontrolle+ (je nach Mitglieder-anzahl)+ (je nach Ausgestaltung)+++ (gesetzliche Vorgaben)o (je nach Ausgestaltung)
Einbindung Außenstehender (sog. Stakeholder)als Vereinsmitglied oder Organmitgliedüber Organmitglied-schaftenja, über Kapital- und (freiwillige oder gesetzliche) Organbeteiligungen

Tab. 1: Übersicht Rechtsformen für gemeinnützige Strukturen[3]

* damit sind nicht die operativ handelnden Vorstände oder Geschäftsführer eingeschlossen, die Pflichten der Unternehmensleitung können zu Haftungsansprüchen bzw. strafrechtlichen Konsequenzen führen.

Die Übersicht verdeutlicht: Die Auswahl ist groß und reicht von kapitalintensiven Rechtsformen, wie der vom börsengeschehen bekannten AG bis hin zum Verein, der kein Startkapital benötigt. Jedoch unterscheiden sich die Rechtsformen z.T. erheblich vom Gründungsaufwand, den Gründungskosten, den zu Grunde liegenden gesetzlichen Rahmenbedingungen. In vielen Fällen können vertraglich Strukturen z.B. zur Kontrolle ergänzt und individuell im Rahmen der jeweiligen Rechtsform angepasst werden.

Alle Rechtsformen genießen die Möglichkeit zur Anerkennung der Gemeinnützigkeit und damit erheblicher steuerlicher Privilegien. Strenge steuerrechtliche Vorgaben ermöglichen weitreichende Steuerfreiheit und die Ausstellung von Spendenbescheinigungen, zur Förderung anerkannter Förderzwecke z.B. der Kinder- und Jugendhilfe. Natürliche Personen oder gewerbliche Personenvereinigungen können diese steuerrechtlichen Vorteile nicht anerkannt bekommen.

Zur streberhaften Vollständigkeit ist noch die Körperschaft des öffentlichen Rechts als gemeinnützige Rechtsform zu erwähnen, welche aber für soziale Neugründungen praktisch nicht in Frage kommen sollte.

Warum wir uns für eine „arme Leute“-Kapitalgesellschaft und z.B. nicht für einen e.V. entschieden haben, könnt ihr in unserem nächsten Eintrag lesen.

 

weiterführende Literatur oder Links:

  • „Praxisleitfaden Soziales Unternehmertum“ – Hrsg. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2017) – sehr umfangreich, von der Idee bis zur Wachstumsfinanzierung
  • http://www.npo-info.de/vereinsstatistik/ – Vereinsstatistiken seit 2001 im 3-Jahresrythmus
  • https://www.stiftungen.org/stiftungen/basiswissen-stiftungen/stiftungsgruendung.html – Alles rund zum Thema Stiftungsgründung
  • DZI Spenden-Almanach 2016 – sehr umfangreiche Informationen zu den DZI-Spendenorganisationen und zum Spendermarkt an sich. 2017 kann kostenpflichtig erworben werden.
  • https://www.lbe.bayern.de/service/lexikon/neue/24974/index.php

Disclaimer: Unsere Blogeinträge sind keine Rechts- oder Steuerberatung. Bei einer eigenen Gründung oder bei rechtlichen oder steuerlichen Fragen empfiehlt sich immer die Konsultierung einer fachbezogenen Person bspw. aus dem Berufsfeld der Steuerberatung oder der Rechtsberatung.

 

[1] vgl. Happes, W. (2017), Vereinsstatistik, http://www.npo-info.de/vereinsstatistik/2017/ (abgerufen am 28.05.2018).

[2] vgl. o.V. (2016), DZI Spenden-Almanach 2016, S. 323.

[3] Eigene Darstellung in Anlehnung an: o.V. (2017), Praxisleitfaden Soziales Unternehmertum, S. 32-34.

ERIK REPPEL liebt Projekte, die Menschen dienen und sie ermutigen. Als studierter Betriebswirt und ehemaliger Banker bringt er das Gespür für die Zahlen und die Strategie mit. Was man noch über ihn wissen sollte: Er liebt Sport aber kein Trampolinhüpfen.