Wer, Wie, Was? Sozialraumanalyse

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In der letzten Zeit habe ich immer wieder davon geredet, dass ich eine Sozialraumanalyse durchgeführt habe, bevor wir uns für den Standort Rieth und Berliner Platz in Erfurt entschieden haben.

Vielleicht haben manche von euch den Begriff Sozialraumanalyse schon gehört. Er kommt in vielen unterschiedlichen Kontexten vor:

  • Jugendhäuser benutzen sie um den Sozialraum der Jugendlichen außerhalb des Jugendhauses kennenzulernen und so die Angebote an den Sozialraum anzupassen und bedarfsgerechter zu gestalten.
  • In der empirischen Sozialforschung wird sie bspw. benutzt um Stadtteile miteinander vergleichbar zu machen.
  • Im Zuge der Jugendhilfeplanung oder der Stadtteilentwicklung wird sie genutzt um soziale Ungleichheit bzw. Unterversorgungslagen festzustellen.
  • Politik und Gemeinden nutzen sie wiederum für ihre Zwecke und Mittel.

Kurz gefasst: Sozialraumanalysen helfen den Stadtteil unter einem gewissen Gesichtspunkt zu erkunden, zu analysieren, Bedarfe im Stadtteil zu ermitteln, erheben und festzustellen. Es hilft, den Sozialraum, seine Bewohner, Schlüsselpersonen und Institutionen kennen zu lernen und ihn mit anderen Sozialräumen vergleichbar zu machen. Weil sie aber von verschiedenen Akteuren mit unterschiedlichen Zielen angewandt werden, gibt es keine einheitliche Definition und keine einheitliche Vorgehensweise.

Um die richtigen Methoden und die richtige Reihenfolge der eigenen Sozialraumanalyse finden zu können, sollte als erstes die „Forschungsfrage“ festgelegt werden. Meine hieß in etwa:

Welche Bedarfe für Kinder und Familien gibt es in Stadtteilen? Kann ich mit meinem Konzept diesen Bedarfen begegnen? Wie muss das Konzept angepasst werden bzw. ist es überhaupt tragfähig? Sind wir willkommen im Sozialraum?

Für meine Sozialraumanalyse nutzte ich die Methoden der Stadtteilbegehung & Beobachtung, Experteninterviews und bereits vorhandene Sozialdaten:

  1. Stadtteilbegehung & Beobachtungen

Das einfachste und erste Mittel um einen Stadtteil kennen zu lernen, ist dessen Begehung. Wichtige Punkte oder Begrenzungen können bereits vorher bspw. mittels Google Maps oder Stadtkarte festgestellt und dann gezielt angesteuert werden.

Wer meint, den Stadtteil aus der Vergangenheit schon zu kennen, sollte auf diesen Schritt trotzdem nicht auslassen. Eine Stadtteilbegehung schadet nicht, gibt ersten Einblick in die Stadtteilkultur, die Menschen vor Ort und in die neusten Veränderungen im Stadtteil.

In meiner Stadtteilbegehung lernte ich die zentralen Plätze im Stadtteil kennen, machte mit ein Bild vom Leerstand, von den Bewohnern. Ich zählte die Anzahl der Spielplätze und notierte mir die Namen der Vereine und Institutionen im Stadtteil. Obwohl ich schon seit einigen Jahren in Erfurt lebe und regelmäßig durch die beiden Stadtteile fuhr, habe ich neue Straßengassen kennen gelernt und wichtige Erkenntnisse gewinnen können.

  1. Vorhandene Sozialdaten

Als nächstes recherchierte ich so viele Sozialdaten wie möglich. Das war im Rückblick gar nicht so einfach, da es nur wenig aufgeschlüsselte Daten auf die Stadtteile in Erfurt gibt. Auf Nachfrage in den Experteninterviews konnte mir besonders das Jugendamt helfen:

Infos über Erfurt findet man bspw. im Sozialstrukturatlas (der leider nicht sehr aktuell ist, er ist von 2012), in der Kinder- und Jugendbefragung 2014, beides von der Stadtverwaltung Erfurt herausgegeben. Andere, ständig aktualisierte Daten findet man unter erfurt.de >Veröffentlichungen bzw. >Zahlen. Weitere Daten findet ihr z.B. bei den statistischen Landesämter bzw. beim statistischen Bundesamt. Es hilft auch regelmäßig Zeitung zu lesen um an neue Statistiken ranzukommen.

Ich verschaffte mir zunächst einen Überblick über das vorhandene Material. Wichtig waren für mich bspw. die Stadtteileinwohnerzahl, die Anzahl der Kinder, die letzten Wahlergebnisse, die Höhe der Arbeitslosigkeit, der Anteil der Kinder, die in SGB II – Bedarfsgemeinschaften leben, der Anteil der Hilfen zur Erziehung, der Anteil der Schüler die abituranbietende Schulformen besuchen, die Jugendarbeitslosigkeit etc.

Interessant werden diese Zahlen meist erst, wenn man sie priorisiert und mit anderen Stadtteilen, der Stadt oder sogar bundesweit vergleicht. Ich habe sie besonders mit anderen Stadtteilen Erfurts, Erfurt gesamt und in Thüringen verglichen. So war es mir bereits möglich einzuschätzen, ob es sich um einen sozialschwachen oder sozialstarken Stadtteil handelt. Sie gaben mir ein Indiz, welche Unterversorgungslagen im Stadtteil herrschen.

  1. Experteninterviews

Experteninterviews führt man mit Schlüsselpersonen im Stadtteil durch, die die Situation, die Bedarfe o.Ä. je nach Forschungsfrage, einschätzen und beurteilen können. Es sollten Menschen sein, die sich schon seit Jahren mit dem Stadtteil beschäftigen.

Typischen Schlüsselpersonen sind: Vertreter von sozialen Institutionen wie Jugendhäuser, Quartiersarbeiten etc, Vertreter aus Politik (Ortsteilbürgermeister, bekannte Politiker im Stadtteil), Vereine und Kirchen im Stadtteil, Jugendamt sowie sonstige bekannte Persönlichkeiten im Stadtteil.

Für mich war diese Art der Befragung die Wichtigste und Erkenntnisreichste. Am besten überlegt man sich schon vorher, was das Ziel des Treffens sein soll und man schreibt ein Protokoll. Hier habe ich die meisten Denkanstöße erhalten. Wenn man gut zuhört, ist es möglich viele Fehler zu vermeiden.

Zur Auswahl der Akteure: Es ist gar nicht möglich zu allen Akteuren zu gehen. Trotzdem sollte man sich nach und nach bei allen wichtigen Akteuren vorstellen, bevor man mit Angeboten im Stadtteil beginnt. Denn am Anfang ist es einfacher Freundschaften aufzubauen und Misstrauen abzubauen.

Um eine Sozialraumanalyse zu beginnen, brauchst man also weder Konzept noch einen Businessplan. Es ist andersherum: Nachdem alle Erkenntnisse gesammelt wurden, kann auf die zusammengefasste Sozialraumanalyse ein Konzept und ein Businessplan gebaut werden.

ANNA REPPELs Herz schlägt für Kinder. Sie hat Wirtschaftswissenschaften und Soziale Arbeit studiert und versteht es Projekte von Grund aufzubauen. Was man noch über sie wissen sollte: Sie liebt Einhörner und Äpfel.


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